
Skoliose (Wirbelsäulenverkrümmung)
Die Skoliose ist eine von vorn betrachtete seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule zusammen mit einer Drehung um die eigene Achse. Wegen dieser dreidimensionalen Natur ist die Skoliose kein einfaches «Haltungsproblem». Ausmaß der Krümmung, Alter und verbleibendes Wachstumspotenzial sind die drei Faktoren, die Kontrolle und Behandlung bestimmen.
Formen der Skoliose
- Idiopathische Skoliose: die häufigste Form; eine eindeutige Ursache lässt sich nicht feststellen. Nach dem Alter bei Beginn unterteilt in infantil, juvenil und adoleszent.
- Kongenitale Skoliose: beruht auf Entwicklungsunterschieden der Wirbelkörper vor der Geburt.
- Neuromuskuläre Skoliose: begleitet Muskel- und Nervenerkrankungen.
- Degenerative Skoliose (im Erwachsenenalter): entsteht im späteren Leben durch Verschleiß der Wirbelsäulenstrukturen; sie zeigt sich meist mit Rückenschmerzen und Beinbeschwerden.
Am häufigsten ist die adoleszente idiopathische Skoliose, und sie verläuft in der Regel schmerzfrei. Deshalb wird sie oft von der Familie oder bei einer Schuluntersuchung bemerkt.

Woran wird sie bemerkt?
Folgende Zeichen können Familien auffallen:
- Unterschiedlich hoch stehende Schultern
- Ein deutlicher hervortretendes Schulterblatt
- Asymmetrie der Taillenlinien und der Beckenhöhe
- Beim Vorbeugen hebt sich eine Rückenseite sichtbar an (Rippenbuckel)
- Kleidung hängt zu einer Seite; Hosenbeine wirken unterschiedlich
Der Vorbeugetest (Adams-Test) ist eine einfache Beobachtung, die zu Hause möglich ist; er stellt jedoch keine Diagnose, sondern zeigt nur den Bedarf einer Abklärung an.
Diagnostik und Messung
- Anamnese: wann es bemerkt wurde, Skoliose in der Familie, Wachstumsgeschwindigkeit und bei Mädchen der Beginn der Regelblutung (Hinweis auf das verbleibende Wachstum).
- Körperliche Untersuchung: Schulter-Becken-Balance, Vorbeugetest, Rumpfbalance und neurologische Untersuchung.
- Ganzwirbelsäulenaufnahme im Stehen: das Ausmaß wird mit dem Cobb-Winkel gemessen. Krümmungen über 10 Grad gelten als Skoliose.
- Beurteilung des Wachstums: das verbleibende Wachstumspotenzial wird u. a. mit dem Risser-Stadium abgeschätzt; dies ist für das Progressionsrisiko entscheidend.
- MRT: bei atypischen Befunden, neurologischen Zeichen oder frühem Beginn.
Beobachten oder behandeln?
Diese Entscheidung hängt von drei Faktoren ab: Ausmaß der Krümmung, Alter und verbleibendes Wachstumspotenzial. Bei einem wachsenden Kind kann eine Krümmung zunehmen, während dasselbe Ausmaß nach Abschluss des Wachstums in der Regel stabil bleibt.
Beobachtung
Bei geringgradigen Krümmungen erfolgt die Kontrolle mit Untersuchungen in Abständen und bei Bedarf mit Bildgebung. Ziel ist es, eine Zunahme früh zu erkennen. Der Abstand richtet sich nach der Wachstumsgeschwindigkeit.
Korsettbehandlung
Bei noch wachsenden Kindern mit mittelgradiger Krümmung wird ein Korsett eingesetzt, um die Zunahme zu verlangsamen oder aufzuhalten. Ziel des Korsetts ist nicht die Korrektur der bestehenden Krümmung, sondern die Verhinderung einer Zunahme. Die Wirksamkeit hängt weitgehend von der Einhaltung der täglichen Tragezeit ab; die Mitwirkung von Familie und Kind ist deshalb entscheidend.
Begleitend wird ein Übungsprogramm durchgeführt. Übungen allein korrigieren die Krümmung nicht, unterstützen aber Rumpfkraft, Haltung und Atemkapazität.
Operative Behandlung
Eine Operation kommt bei hochgradigen, fortschreitenden Krümmungen in Betracht, die sich mit einem Korsett nicht kontrollieren lassen. Ziele sind die Korrektur innerhalb sicherer Grenzen, die Wiederherstellung der Rumpfbalance und der Stopp der Progression. Bei früh beginnender Skoliose können Systeme eingesetzt werden, die weiteres Wachstum zulassen.
In die Entscheidung fließen Ausmaß und Form der Krümmung, die Zunahmegeschwindigkeit, die Rumpfbalance, die Lungenfunktion und das Alter ein. Die Ergebnisse sind von Person zu Person unterschiedlich, und die Entscheidung wird nach ausführlichem Gespräch mit der Familie getroffen.
Häufige Irrtümer
- „Eine schwere Schultasche verursacht Skoliose“ — eine schwere Tasche kann Rückenschmerzen verursachen, ist aber nicht die Ursache einer idiopathischen Skoliose.
- „Falsches Sitzen verursacht Skoliose“ — die Haltung kann Beschwerden verstärken, verursacht aber keine strukturelle Krümmung.
- „Übungen korrigieren die Krümmung“ — Übungen wirken unterstützend; sie korrigieren eine strukturelle Krümmung nicht allein.
- „Ohne Schmerzen keine Skoliose“ — die adoleszente idiopathische Skoliose verläuft meist schmerzfrei und kann deshalb übersehen werden.
Wann sollten Sie sich vorstellen?
- Wenn Ihnen eine Asymmetrie von Schultern, Schulterblättern oder Taille auffällt
- Wenn sich beim Vorbeugen eine Rückenseite sichtbar hebt
- Wenn in der Familie Skoliose vorkommt und Ihr Kind in einer schnellen Wachstumsphase ist
- Wenn Sie eine Zunahme einer bekannten Krümmung beobachten
- Wenn Rückenschmerzen von Nachtschmerz oder neurologischen Beschwerden begleitet werden
Wann Sie unverzüglich ärztliche Hilfe suchen sollten
- Kraftverlust in den Beinen, Taubheit oder Gehschwierigkeiten
- Veränderung der Blasen- oder Darmkontrolle
- Rückenschmerz, der nachts weckt und in Ruhe nicht nachlässt
- Rückenschmerz zusammen mit Fieber und Gewichtsverlust
Diese Befunde erfordern eine dringende Abklärung. Außerhalb der Sprechzeiten wenden Sie sich an die nächste Notaufnahme.
Häufig gestellte Fragen
Schreitet eine Skoliose fort?
Das Progressionsrisiko hängt vor allem vom verbleibenden Wachstumspotenzial und vom Ausmaß der Krümmung ab. Während des Wachstumsschubs ist das Risiko hoch; nach Abschluss des Wachstums sind geringgradige Krümmungen in der Regel stabil. Die Kontrollabstände werden deshalb nach dem Wachstum geplant.
Korrigiert ein Korsett die Krümmung?
Ziel des Korsetts ist nicht die Korrektur der bestehenden Krümmung, sondern die Verhinderung einer Zunahme, solange das Wachstum andauert. Der Erfolg hängt weitgehend von der Einhaltung der täglichen Tragezeit ab. Nach Abschluss des Wachstums ist kein Nutzen zu erwarten.
Heilen Übungen oder Schwimmen die Skoliose?
Übungen unterstützen Rumpfkraft, Haltung und Atemkapazität und werden für die allgemeine Gesundheit empfohlen. Eine strukturelle Krümmung korrigieren sie allein jedoch nicht. Schwimmen ist eine nützliche Aktivität, aber keine Skoliosebehandlung.
Mein Kind hat Skoliose — darf es Sport treiben?
In den meisten Fällen wird Sport nicht eingeschränkt, im Gegenteil, er wird empfohlen. Ist eine Einschränkung nötig, wird sie ärztlich anhand von Krümmungsausmaß, Behandlungsphase und Sportart festgelegt.
Ist Skoliose erblich?
Sie kommt bei familiärer Vorbelastung häufiger vor, und eine genetische Veranlagung spielt eine Rolle. Es handelt sich jedoch nicht um einen einfachen Erbgang eines einzelnen Gens. Bei familiärer Vorbelastung wird eine Kontrolle während der Wachstumsphase empfohlen.
Ist die Beweglichkeit nach einer Operation eingeschränkt?
Bei der Operation wird ein Abschnitt der Wirbelsäule versteift, und die Beweglichkeit dieser Region nimmt ab. Alltagsaktivitäten sind in der Regel weiterhin möglich. Erwartungen, Verfahren und der zu versteifende Abschnitt werden vor der Operation ausführlich besprochen.
Wissenschaftliche Arbeiten
Assoc. Prof. Dr. Bertan Cengiz hat wissenschaftliche Arbeiten zu Skoliosechirurgie und Wirbelsäulendeformitäten und verwandten Bereichen in nationalen und internationalen Fachzeitschriften mit Peer-Review veröffentlicht. Die Publikationsliste und überprüfbare Quellen finden Sie auf der Seite Publikationen.
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