
Spinalkanalstenose (Verengung des Wirbelkanals)
Die Spinalkanalstenose ist eine Verengung des Kanals, durch den Rückenmark und Nervenwurzeln verlaufen. Am häufigsten betrifft sie den Lendenbereich und ist meist Folge altersbedingten Verschleißes. Typisch ist dieses Bild: Beinbeschwerden, die beim Gehen zunehmen und beim Sitzen oder Vorbeugen nachlassen.
Warum verengt sich der Kanal?
Die Strukturen um den Wirbelkanal verändern sich mit der Zeit: Bandscheiben verlieren an Höhe und wölben sich vor, die kleinen Wirbelgelenke vergrößern sich, und das Band an der Kanalrückwand (Ligamentum flavum) verdickt sich. Die Summe dieser Veränderungen verengt den Kanal und die Austrittsöffnungen der Nervenwurzeln.
Da die Verengung meist langsam entsteht, beginnen auch die Beschwerden schleichend. Bei manchen Betroffenen kommt ein Wirbelgleiten (Spondylolisthesis) hinzu; das kann den Behandlungsplan verändern.
Typische Beschwerde: neurogene Claudicatio
Das kennzeichnende Merkmal ist eine mit der Gehstrecke zunehmende Beinbeschwerde. Betroffene müssen nach einer bestimmten Strecke stehen bleiben und verspüren beim Vorbeugen oder Hinsetzen innerhalb weniger Minuten Erleichterung. Grund ist, dass das Vorbeugen den Kanal etwas erweitert.
- Schweregefühl, Brennen, Taubheit und Schwächegefühl in den Beinen
- Erleichterung beim Schieben eines Einkaufswagens oder beim Radfahren (vorgebeugte Haltung)
- Bergauf gehen fällt leichter als bergab
- Zunahme der Beschwerden bei längerem Stehen
- Rückenschmerzen treten gegenüber den Beinbeschwerden oft in den Hintergrund
Dieses Bild kann mit durchblutungsbedingten Beschwerden (vaskuläre Claudicatio) verwechselt werden. Ein wichtiger Hinweis zur Unterscheidung: Bei der durchblutungsbedingten Form genügt Stehenbleiben, bei der Spinalkanalstenose ist meist Hinsetzen oder Vorbeugen nötig. Pulsstatus und bei Bedarf Gefäßuntersuchungen klären die Abgrenzung.
Diagnostik
- Anamnese: Gehstrecke, entlastende Haltung, Taubheit und Schwäche, Blasen- und Darmbeschwerden.
- Neurologische Untersuchung: Muskelkraft, Reflexe, Sensibilität und Gangbild.
- Röntgen im Stehen: für Statik, Wirbelgleiten und Funktionsaufnahmen.
- MRT: das wichtigste Verfahren zur Darstellung von Ort und Ausmaß der Verengung.
- Gefäßabklärung: wenn das Bild durchblutungsbedingt sein könnte.
Behandlung
Nicht operative Behandlung
Wenn die Beschwerden den Alltag nicht erheblich einschränken und keine fortschreitenden neurologischen Befunde vorliegen, steht die nicht operative Behandlung am Anfang. Ziel ist, die Gehstrecke zu vergrößern und den Schmerz beherrschbar zu machen.
- Übungsprogramm für Rumpf- und Hüftmuskulatur mit Schwerpunkt auf Beugeübungen
- Gehplan mit Pausen und schrittweiser Steigerung der Strecke
- Radfahren und Wassergymnastik — dank der vorgebeugten Haltung meist gut verträglich
- Gewichtskontrolle
- Schmerzbehandlung; in ausgewählten Fällen epidurale Injektionen
Injektionen können bei manchen Betroffenen die Beschwerden verringern und den Einstieg in das Übungsprogramm erleichtern; die Wirkung ist individuell unterschiedlich und wird nicht als dauerhafte Lösung dargestellt.
Operative Behandlung
Eine Operation kommt in Betracht, wenn sich die Gehstrecke trotz ausreichend langer nicht operativer Behandlung deutlich verkürzt hat, der Alltag erheblich eingeschränkt ist oder ein fortschreitender neurologischer Ausfall besteht.
- Dekompression: Entfernung der einengenden Strukturen zur Entlastung der Nerven.
- Dekompression mit Versteifung: kann bei Wirbelgleiten, Instabilität oder Fehlstatik in Betracht kommen.
Das Alter allein bestimmt die Entscheidung nicht; Begleiterkrankungen, Knochenqualität, Statik und die Erwartungen werden gemeinsam beurteilt. Die Besserung der Beinbeschwerden ist in der Regel besser vorhersehbar als die des Rückenschmerzes; diese Erwartung wird vor der Operation offen besprochen. Für keine Behandlung wird eine Zusage zu einem bestimmten Ergebnis oder Zeitraum gemacht.
Hinweise für den Alltag
- Gehen Sie nicht am Stück, sondern mit Pausen; steigern Sie die Strecke über Wochen
- Müssen Sie lange stehen, stellen Sie einen Fuß auf eine niedrige Stufe
- Beim Heben die Knie beugen und die Last körpernah führen
- Trainieren Sie Rumpf- und Hüftmuskulatur regelmäßig
- Gewichtskontrolle beeinflusst die Stärke der Beschwerden unmittelbar
Wann sollten Sie sich vorstellen?
- Wenn Ihre Gehstrecke immer kürzer wird
- Wenn Taubheit oder Schwäche in den Beinen begonnen hat
- Wenn Ihre Beschwerden beim Vorbeugen nachlassen und beim aufrechten Stehen zunehmen
- Wenn Sie Gleichgewichtsprobleme haben oder häufig stürzen
- Wenn die Beschwerden trotz Bewegung und Schmerzbehandlung zunehmen
Wann Sie unverzüglich ärztliche Hilfe suchen sollten
- Verlust der Blasen- oder Darmkontrolle oder Unfähigkeit, Wasser zu lassen
- Taubheit im Bereich von After und Innenseite der Oberschenkel (Kaudasyndrom) — kann eine Notfalloperation erfordern
- Gleichzeitig auftretende Schwäche beider Beine
- Rasch zunehmende Fußheberschwäche oder deutlicher Kraftverlust
- Nachtschmerz zusammen mit Fieber, Gewichtsverlust oder einer Krebserkrankung in der Vorgeschichte
Diese Befunde erfordern eine dringende Abklärung. Außerhalb der Sprechzeiten wenden Sie sich an die nächste Notaufnahme.
Häufig gestellte Fragen
Schreitet eine Spinalkanalstenose fort?
Da sie verschleißbedingt ist, kann sie sich mit der Zeit verändern; sie schreitet jedoch nicht bei allen gleich schnell fort. Bei manchen bleiben die Beschwerden über Jahre unverändert. Eine Verlaufskontrolle wird deshalb empfohlen und die Gehstrecke beobachtet.
Schadet mir Gehen?
Nein, im Gegenteil: Gehen ist Teil des Programms. Wichtig ist, mit Pausen zu gehen statt am Stück zu forcieren, und die Strecke schrittweise zu steigern. Radfahren und Wassergymnastik werden wegen der vorgebeugten Haltung meist gut vertragen.
Werde ich ohne Operation gelähmt?
Der übliche Verlauf endet nicht in einer Lähmung; die Beschwerden begrenzen meist die Gehstrecke. Befunde eines Kaudasyndroms oder eine rasch zunehmende Schwäche sind jedoch ein Notfall und erfordern eine unverzügliche Abklärung.
Ist eine Injektion eine dauerhafte Lösung?
Nein. Eine Injektion kann die Beschwerden verringern und den Einstieg in das Übungsprogramm erleichtern; die Wirkdauer ist individuell unterschiedlich. Als alleinige dauerhafte Lösung wird sie nicht dargestellt.
Verschwindet mein Rückenschmerz nach der Operation vollständig?
Vorrangiges Ziel der Operation ist die Entlastung der Nerven und die Verringerung der Beinbeschwerden. Die Veränderung des Rückenschmerzes ist weniger gut vorhersehbar. Erwartungen werden vorab ausführlich besprochen, und die Ergebnisse sind individuell unterschiedlich.
Ich bin älter — kann ich operiert werden?
Die Entscheidung richtet sich nicht nach dem Alter, sondern nach Allgemeinzustand, Begleiterkrankungen, Knochenqualität und danach, wie sehr die Beschwerden den Alltag einschränken. Für manche ist ein nicht operatives Programm geeigneter.
Wissenschaftliche Arbeiten
Assoc. Prof. Dr. Bertan Cengiz hat wissenschaftliche Arbeiten zu Wirbelsäulenchirurgie und degenerative Wirbelsäulenerkrankungen und verwandten Bereichen in nationalen und internationalen Fachzeitschriften mit Peer-Review veröffentlicht. Die Publikationsliste und überprüfbare Quellen finden Sie auf der Seite Publikationen.
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Die Angaben auf dieser Seite dienen der allgemeinen Information und ersetzen keine persönliche ärztliche Untersuchung. Für Diagnose und Behandlung ist die klinische Beurteilung des Arztes erforderlich. Die Ergebnisse von Behandlungen und Eingriffen können von Person zu Person unterschiedlich sein; auf dieser Seite wird keine Zusage zu einem bestimmten Ergebnis oder Zeitraum gemacht.
