
Kinderorthopädie
Die Kinderorthopädie beurteilt das wachsende Skelett und unterscheidet sich in zwei wesentlichen Punkten von der Erwachsenenorthopädie: Das kindliche Skelett kann sich während des Wachstums selbst korrigieren, dagegen können Probleme der Wachstumsfuge bleibende Folgen hinterlassen. Das Gleichgewicht zwischen „abwarten“ und „rechtzeitig handeln“ ist deshalb entscheidend.
Was zur normalen Entwicklung gehört
Viele Befunde, die Familien beunruhigen, sind natürliche Wachstumsphasen und bilden sich mit der Zeit von selbst zurück:
- Einwärtsgang im Kleinkindalter: bei Kindern, die gerade laufen lernen, häufig
- Altersabhängig wechselnde Beinachse: im Kleinkindalter ein leichtes O-Bein, danach ein leichtes X-Bein und anschließend der Ausgleich sind normale Entwicklungsstufen
- Flexibler Senkfuß: Zeigt sich beim Zehenspitzenstand ein Gewölbe und bestehen keine Schmerzen, ist meist keine Behandlung nötig
- Gelegentlicher Zehenspitzengang
Bei diesen Befunden steht die Beobachtung im Vordergrund. Eine Abklärung ist jedoch nötig, wenn sie einseitig sind, zunehmen, Schmerzen verursachen oder die Funktion einschränken.
Was eine Abklärung erfordert
- Hüftdysplasie — Asymmetrie beim Abspreizen, Faltenunterschiede, Hinken
- Skoliose — Schulter- und Taillenasymmetrie, beim Vorbeugen hebt sich eine Rückenseite
- Einseitige oder zunehmende Achsfehlstellung der Beine
- Anhaltender Zehenspitzengang
- Punktueller, nachts weckender Schmerz
- Hinken — besonders zusammen mit Fieber
- Verletzungen, die die Wachstumsfuge betreffen können
Was bei kindlichen Brüchen anders ist
Der kindliche Knochen unterscheidet sich vom erwachsenen: Er ist elastischer, heilt schneller und enthält eine Wachstumsfuge (Physe). Diese drei Eigenschaften beeinflussen die Behandlungsentscheidung unmittelbar.
- Manche Brüche bei Kindern sind Biegungsbrüche ohne vollständige Durchtrennung; sie können im Röntgen übersehen werden
- Eine gewisse Verschiebung kann sich im Wachstum von selbst ausgleichen; deshalb erfordert nicht jede Verschiebung eine Operation
- Brüche mit Beteiligung der Wachstumsfuge werden anders behandelt; wegen möglicher Längen- und Achsunterschiede wird eine Verlaufskontrolle empfohlen
- Manche als „Verstauchung“ gedeuteten Verletzungen sind tatsächlich Verletzungen der Wachstumsfuge
Das sporttreibende Kind und Überlastung
Intensives, ganzjähriges Training in einer einzigen Sportart erhöht bei wachsenden Kindern das Risiko von Überlastungsverletzungen. Schmerzen an der Knievorderseite und an der Fersenrückseite sind in dieser Phase häufig.
- Steigern Sie die Trainingsbelastung schrittweise; vermeiden Sie plötzliche Sprünge
- Planen Sie über das Jahr Sportvielfalt und Erholungsphasen
- Klären Sie Kind und Trainer darüber auf, dass mit Schmerzen nicht weitertrainiert wird
- Überprüfen Sie Schlaf und Ernährung
Hinweise für Familien
- Wickeln Sie Ihr Baby nicht straff; die Hüften müssen frei gebeugt und abgespreizt werden können
- Wählen Sie Schuhe mit flexibler Sohle, die den Fuß nicht einengen; ohne Schmerzen sind „Korrekturschuhe“ nicht nötig
- Beobachten Sie den Gang Ihres Kindes gelegentlich von hinten und von vorn
- Kontrollieren Sie bei raschem Wachstum in der Pubertät die Rückenasymmetrie
- Teilen Sie eine Hüftdysplasie oder Skoliose in der Familie Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt unbedingt mit
Wann sollten Sie sich vorstellen?
- Bei Hinken (besonders mit Fieber)
- Wenn die Beinachse einseitig ist oder zunimmt
- Wenn Ihnen eine Asymmetrie von Schultern, Schulterblättern oder Taille auffällt
- Bei anhaltendem, punktuellem Schmerz, der das Kind nachts weckt
- Wenn das Kind nach einer Verletzung eine Gliedmaße nicht benutzt
Wann Sie unverzüglich ärztliche Hilfe suchen sollten
- Hinken oder Nichtbenutzen einer Gliedmaße zusammen mit Fieber (Verdacht auf Gelenk- oder Knocheninfektion)
- Sichtbare Fehlstellung oder fehlende Belastbarkeit nach einer Verletzung
- Kältegefühl, Blässe, Gefühlsverlust oder fehlender Puls an der Gliedmaße
- Zunehmende Schmerzen, Unruhe und pralle Schwellung im Gips
- Kraftverlust in den Beinen, Gangstörung oder Veränderung der Blasen- und Darmkontrolle
Diese Befunde erfordern eine dringende Abklärung. Außerhalb der Sprechzeiten wenden Sie sich an die nächste Notaufnahme.
Häufig gestellte Fragen
Mein Kind hat Plattfüße — ist eine Behandlung nötig?
Ein flexibler Senkfuß ohne Schmerzen und ohne Funktionseinschränkung braucht meist keine Behandlung; zeigt sich beim Zehenspitzenstand ein Gewölbe, ist die Struktur flexibel. Bei Schmerz, rascher Ermüdung oder einem starren Senkfuß wird eine Abklärung empfohlen.
Mein Kind geht einwärts — soll ich Korrekturschuhe kaufen?
Einwärtsgang ist bei Kindern, die gerade laufen lernen, häufig und gleicht sich mit dem Wachstum meist aus. Es gibt keinen verlässlichen Beleg, dass Korrekturschuhe und Einlagen daran etwas ändern. Bei einseitigem oder zunehmendem Befund ist eine Abklärung nötig.
Gibt es Wachstumsschmerzen?
Bei Kindern werden Beinschmerzen beschrieben, die typischerweise abends und nachts auftreten, beidseitig sind und morgens verschwinden. Einseitiger, punktueller Schmerz oder Schmerz mit Hinken oder Fieber passt jedoch nicht dazu und erfordert eine Abklärung.
Verursacht ein schwerer Schulranzen eine Skoliose?
Nein. Eine schwere Tasche kann Rückenschmerzen verursachen, ist aber nicht die Ursache einer idiopathischen Skoliose. Skoliose ist eine strukturelle Verkrümmung und entsteht nicht durch Haltungsgewohnheiten.
Muss der Bruch meines Kindes operiert werden?
Der kindliche Knochen heilt rasch, und eine gewisse Verschiebung kann sich im Wachstum ausgleichen; deshalb werden viele Brüche im Gips behandelt. Bei Beteiligung der Wachstumsfuge, bei Gelenkbeteiligung und bei deutlicher Verschiebung kann eine Operation in Betracht kommen.
Mein Kind trainiert intensiv in einer Sportart — ist das problematisch?
Ganzjährig intensives Training in einer einzigen Sportart erhöht im Wachstumsalter das Risiko von Überlastungsverletzungen. Empfohlen werden Sportvielfalt, schrittweise Belastungssteigerung und Erholungsphasen.
Wissenschaftliche Arbeiten
Assoc. Prof. Dr. Bertan Cengiz hat wissenschaftliche Arbeiten zu Kinderorthopädie und Deformitäten im Wachstumsalter und verwandten Bereichen in nationalen und internationalen Fachzeitschriften mit Peer-Review veröffentlicht. Die Publikationsliste und überprüfbare Quellen finden Sie auf der Seite Publikationen.
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