
Hüftdysplasie (Entwicklungsstörung der Hüfte)
Die Hüftdysplasie ist eine von Geburt an gestörte Entwicklung des Verhältnisses zwischen Hüftpfanne und Oberschenkelkopf. Das Spektrum reicht von einer leicht zu flachen Pfanne bis zur vollständigen Luxation. Früh erkannt ist die Behandlung deutlich einfacher; deshalb ist die Vorsorgeuntersuchung wichtig.
Warum ist das bedeutsam?
Hüftpfanne und Oberschenkelkopf formen einander während der Entwicklung gegenseitig. Sitzt der Kopf nicht richtig in der Pfanne, vertieft sich diese nicht ausreichend, und die Gelenkflächen bleiben unpassend. Bei unerkannten Fällen können im späteren Leben Schmerzen, Hinken und eine frühe Hüftarthrose entstehen.
Wird die Dysplasie dagegen im Säuglingsalter festgestellt, kann die Hüfte mit einfachen Mitteln in die richtige Stellung gebracht werden und sich dort weiterentwickeln. Darin liegt der Wert der frühen Diagnose.
Risikofaktoren
- Beckenendlage bei der Geburt — einer der stärksten Faktoren
- Hüftdysplasie in der Familie
- Häufiger bei Mädchen
- Erstgeborene und Situationen mit wenig Bewegungsraum im Mutterleib (Fruchtwassermangel, Mehrlinge)
- Straffes Wickeln mit gestreckten, aneinandergelegten Beinen
Da sie auch bei Säuglingen ohne Risikofaktoren auftritt, wird die Vorsorgeuntersuchung für alle empfohlen.
Woran wird sie bemerkt?
Im Säuglingsalter
- Eingeschränktes Abspreizen auf einer Seite (die Hüften öffnen sich nicht gleichmäßig)
- Unterschiedliche Haut- und Gesäßfalten an Oberschenkel und Hüfte
- Unterschiedlich lang wirkende Beine
- Ein „Klick“-Gefühl beim Wickeln
Keiner dieser Befunde stellt für sich die Diagnose; sie alle zeigen den Bedarf einer Abklärung an. Faltenasymmetrien kommen auch bei gesunden Säuglingen häufig vor.
Im Laufalter
- Hinken oder Watschelgang
- Zehenspitzengang oder ein kürzer wirkendes Bein
- Bei beidseitigem Befall sind die Zeichen subtiler (es fehlt die Vergleichsseite, deshalb wird es leichter übersehen)
Diagnostik
- Körperliche Untersuchung: In der Neugeborenenzeit werden spezielle Tests zur Beurteilung der Hüftstabilität durchgeführt.
- Hüftultraschall: in den ersten Lebensmonaten das geeignetste Verfahren, da die Säuglingshüfte weitgehend knorpelig ist.
- Röntgen: wird bevorzugt, sobald die Verknöcherung fortgeschritten ist, also bei älteren Säuglingen und Kindern.
Zeitpunkt von Vorsorge und Bildgebung richten sich nach Alter und Risikoprofil des Kindes; dies plant die betreuende Ärztin oder der betreuende Arzt.
Behandlung
Das Vorgehen unterscheidet sich deutlich nach dem Alter bei Diagnose und dem Ausmaß der Dysplasie. Der Grundsatz lautet: je früher, desto einfacher das Verfahren.
Frühes Säuglingsalter
Mit weichen Spreizhilfen (etwa Systemen nach Art der Pavlik-Bandage) wird angestrebt, dass der Kopf in der Pfanne sitzt und sich die Pfanne entwickelt. Die Behandlung wird in dieser Phase meist gut vertragen. Die Einhaltung der Tragevorgaben beeinflusst das Ergebnis unmittelbar.
Spätere Monate und Laufalter
Bei verzögerter Diagnose können geschlossene oder offene Verfahren zum Einrichten der Hüfte und eine Gipsbehandlung erforderlich werden. Bei älteren Kindern können Eingriffe zur Korrektur von Pfanne oder Oberschenkelknochen in Betracht kommen.
Der Verlauf erfordert regelmäßige Kontrollen; die Entwicklung der Hüfte wird über das Wachstum hinweg beobachtet. Die Ergebnisse sind von Kind zu Kind unterschiedlich; für keine Behandlung wird eine Ergebniszusage gemacht.
Hinweise für Familien
- Wickeln Sie nicht straff. Die Hüften Ihres Kindes müssen frei gebeugt und abgespreizt werden können; gestreckte, aneinandergelegte Beine erhöhen das Risiko
- Bevorzugen Sie „hüftfreundliche“ Wickel- und Tragemethoden, die die Hüften frei lassen
- Versäumen Sie die Hüftuntersuchung nicht und halten Sie den empfohlenen Kontrollplan ein
- Teilen Sie Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt eine Hüftdysplasie in der Familie oder eine Beckenendlage unbedingt mit
- Wird eine Spreizhilfe verwendet, halten Sie die Tragevorgaben genau ein
Wann sollten Sie sich vorstellen?
- Wenn sich die Beine Ihres Kindes nicht gleichmäßig abspreizen lassen
- Wenn die Oberschenkelfalten deutlich asymmetrisch sind
- Wenn die Beine unterschiedlich lang wirken
- Wenn Ihr Kind hinkt oder watschelt
- Wenn in der Familie eine Hüftdysplasie vorkommt (auch ohne Befund)
Wann Sie unverzüglich ärztliche Hilfe suchen sollten
- Rötung, Schwellung und Fieber an der Hüfte, das Kind bewegt das Bein gar nicht (Verdacht auf Gelenkinfektion)
- Fehlende Belastbarkeit des Beins nach Sturz oder Verletzung
- Farbveränderung, Kältegefühl oder auffällige Unruhe am Bein während der Behandlung mit einer Spreizhilfe
Diese Befunde erfordern eine dringende Abklärung. Außerhalb der Sprechzeiten wenden Sie sich an die nächste Notaufnahme.
Häufig gestellte Fragen
Verursacht Wickeln eine Hüftluxation?
Straffes Wickeln mit gestreckten, aneinandergelegten Beinen erhöht das Risiko einer Hüftdysplasie. Empfohlen werden Wickelmethoden, die ein freies Beugen und Abspreizen der Hüften zulassen.
Die Hüfte meines Babys „klickt“ — ist sie ausgerenkt?
Manche bei Säuglingen hörbaren Geräusche sind harmlos. Ein beim Wickeln spürbares Springen erfordert jedoch eine Abklärung. Das Geräusch allein stellt keine Diagnose; Untersuchung und bei Bedarf Ultraschall klären dies.
Wann sollte ein Ultraschall erfolgen?
Der Zeitpunkt richtet sich nach Alter und Risikoprofil; in den ersten Monaten wird der Ultraschall bevorzugt, nach fortgeschrittener Verknöcherung das Röntgen. Den geeigneten Zeitpunkt plant die betreuende Ärztin oder der betreuende Arzt.
Darf ich die Spreizhilfe abnehmen?
Die Einhaltung der Tragevorgaben beeinflusst das Ergebnis unmittelbar; nehmen Sie sie nicht eigenmächtig ab. Wie bei Hautpflege oder Baden vorzugehen ist, erklärt Ihnen Ihre Ärztin oder Ihr Arzt ausführlich.
Was passiert bei später Erkennung?
Eine späte Diagnose kann umfangreichere Verfahren erfordern und den Verlauf verlängern. Bei unerkannten Fällen können im späteren Leben Schmerzen, Hinken und eine frühe Hüftarthrose entstehen. Deshalb ist die Vorsorge wichtig.
Kann mein Kind später Sport treiben?
Das hängt vom Alter bei Diagnose, vom Ausmaß der Dysplasie und vom Behandlungsverlauf ab. Viele Kinder können Alltag und Sport uneingeschränkt fortführen; die individuelle Beurteilung erfolgt bei den Kontrolluntersuchungen.
Wissenschaftliche Arbeiten
Assoc. Prof. Dr. Bertan Cengiz hat wissenschaftliche Arbeiten zu Kinderorthopädie und Hüftchirurgie und verwandten Bereichen in nationalen und internationalen Fachzeitschriften mit Peer-Review veröffentlicht. Die Publikationsliste und überprüfbare Quellen finden Sie auf der Seite Publikationen.
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